| Reise nach Jerusalem oder so |
| Mittwoch, den 20. Mai 2009 um 09:31 Uhr | |
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Das im Folgenden geschilderte Erlebnis hat sich bereits im Dezember letzten Jahres zugetragen, aber ich habe den Text eben wiedergefunden und wollte ihn der Vollständigkeit halber gerne noch nachträglich veröffentlichen. Ich habe in dieser Woche das zweifelhafte Vergnügen, zum Kundenkreis der Deutschen Bahn zu gehören. Lauf ich also heute Morgen zum Bahnhof und bin ein Bisschen knapp dran. Schaffe es allerdings rechtzeitig, mir ne Karte zu ziehen und zur planmäßigen Abfahrtzeit um 6:35 an Gleis 2 zu stehen. 6:36: "Der Regionalexpress Richtung Gießen, planmäßige Abfahrtszeit 6:36 fährt heute außerplanmäßig auf Gleis 3 und verspätet sich wegen einem Stellwerkfehler in Ehringshausen um ca. 10 Minuten" - Nun gut, betrifft mich ja nicht direkt; wird halt ein wenig kuschliger auf dem Bahnsteig, weil alle von Gleis 1 auf Gleis 3 umziehen, das ja am selben Bahnsteig entlangläuft wie Gleis 2. Außerdem bin ich tief beeindruckt vom ungewohnt hohen Informationsgehalt der Durchsage. 6:38: "Der Regionalexpress Richtung Siegen, planmäßige Abfahrtszeit 6:35 verspätet sich um unbestimmte Zeit" - Hmmpff, das betrifft mich jetzt schon irgendwie, aber um 6:57 fährt ja schon der nächste. Also erstmal Panik vermeiden und einfach noch eine rauchen. Bin jetzt ein wenig enttäuscht über den unbefriedigend niedrigen Informationsgehalt der Durchsage. 6:45: "Auf Gleis 3 fährt ein: Regionalexpress Richtung Gießen" - Keine Anzeichen für sich nähernde Verkehrsmittel auf Gleis 2 zu erkennen; die Reisenden Richtung Gießen betreten Ihren Zug und geben so den zuvor anektierten Platz auf dem Bahnsteig wieder frei. 6:50: Die "Fahrgäste" Richtung Gießen verlassen kopfschüttelnd den Zug und begeben sich wieder auf Gleis 1. Wir, die wir auf Gleis 2 warten, nehmen dies teils irritiert und teils belustigt zur Kenntnis. Ich nutze die Zeit um schonmal Frühstückspause zu machen. Erste Anzeichen von allgemeiner Unruhe bei potentiellen Fahrgästen in beide Richtungen sind zu bemerken und es werden Hochrechnungen angestellt, wie lange man wohl zu Fuß nach Dillenburg braucht. 6:53: "Triebwagenführer 25 bitte bei ... (unverständlich) melden" Was soll das jetzt wieder bedeuten? 6:57: "Der Regional Express Richtung Siegen, planmäßige Abfahrtszeit 6:57 fährt heute außerplanmäßig auf Gleis 3" Aha, deshalb mussten die anderen also wieder aussteigen. Ich begebe mich nach gegenüber zum ehemaligen Regionalexpress Richtung Gießen, der ja nun leer steht und betätige den Türöffner. Dieser zeigt sich daraufhin völlig unbeeindruckt. Ich schaue nach links, schaue nach rechts und stelle fest, dass ich mit meinem Schicksal nicht allein bin. KEINE Tür lässt sich öffnen. Außerdem geht im Zug das Licht aus. Allgemeine Verwirrung macht sich breit, die Lage droht zu eskalieren. 7:05: Der Regionalexpress Richtung Siegen fährt in Richtung Siegen. Allerdings ohne Licht und ohne Fahrgäste. Zurück bleibt ein trauriger und wütender Mob. Leider ohne brennende Holzscheite; die hätte man bei den Witterungsverhältnissen super gebrauchen können. Ich beschließe, Winterreifen für mein Fahrrad zu kaufen. 7:15: "Auf Gleis 3 hat Einfahrt..." Der Rest der Durchsage wird von höhnischem Gelächter und spitzen Schreien wie "Sei doch mal still, ich kann die Durchsage nicht hören!!!" übertönt. Vereinzelte Personen scheinen oder meinen, den Inhalt trotzdem erfasst zu haben, denn ich kann beobachten, dass einige Reisende Richtung Gießen (man kennt sich ja mittlerweile) ein weiteres Mal den Bahnsteig wechseln und in den Zug einsteigen. Mein von zuhause mitgebrachter Kaffee geht zur Neige. 7:25: Auf Gleis 3 bewegt sich NIX. Die ersten resignieren. Meine Gleisnachbarin, auch schon seit 6:35 vor Ort und offenbar eine leidgeprüfte Dauerkundin der Bahn, gibt zu bedenken, dass der nächste Regionalexpress Richtung Siegen um 7:27 auf Gleis 2 ankommen müsste und der Zug Richtung Gießen wohl noch auf diesen warten muss. Ich lasse mich von ihrem Optimismus anstecken, wenn auch zögerlich. 7:33: Auf Gleis 3 fährt der Regionalexpress Richtung Gießen ab. Meine Gleisnachbarin gibt auf und verabschiedet sich mit den Worten "Ich hätte heute eh nur nen halben Tag arbeiten müssen; das lohnt jetzt auch netmehr und außerdem is mir kalt". Ich beschließe noch 10 Minuten zu warten und mir dann einen Plan B auszudenken. 7:39: Ich werde endlich für meine Beharrlichkeit belohnt. Und zwar mit einer Regionalbahn nach Dillenburg. Etwas skeptisch steige ich mit den verbliebenen Leidensgenossen ein. Wir alle haben das mulmige Gefühl, dass dieses Glück nicht von Dauer sein kann, werden aber diesmal eines Besseren belehrt und nur mit etwas mehr als einer Stunde Verspätung vom hässlichsten zum zweithässlichsten Bahnhof Mittelhessens transportiert. Kommentar hinzufügen
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