| Das ist doch krank! |
| Mittwoch, den 02. Juni 2010 um 16:47 Uhr | |||
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Es gibt Erkrankungen, die den Vorteil haben, dass sie jeden Menschen nur einmal im Leben ereilen. Zum einen sind das die tödlich verlaufenden, die hier jedoch nur der Vollständigkeit halber Erwähnung finden, da der sich daraus ergebende Vorteil sehr gering ist, zum anderen die Kinderkrankheiten. Die meisten Leiden, die man keiner dieser beiden Gruppen zuordnen kann, haben allerdings zumindest den Vorteil, dass man sich die damit einhergehenden Symptome einprägt und bei erneuter Konfrontation wiedererkennt. Erfahrene Patienten erinnern sich gar an den Genesungsvorgang und könnten diesen nun exakt reproduzieren. Diagnostiziert man zum Beispiel auf diese Art bei sich selbst einen schwereren grippalen Infekt, der die eigene Leistungsfähigkeit signifikant einschränkt, wird einem Leidgeprüften recht schnell bewusst, was ihm bevorsteht: Ein sogenanntes Krankenlager wird aufgeschlagen bzw. schlägt sich mehr oder minder von selbst auf. Das Zentrum stellt eine weiche Fläche dar, die es dem Patienten erlaubt, wahlweise zu sitzen oder zu liegen, je nachdem welche Position gerade am angenehmsten oder vielmehr am wenigsten unangenehm erscheint. Um dieses Zentrum ordnen sich nach und nach trabantenähnlich verschiedenste Formen von Literatur und Unterhaltungselektronik sowie ein lächerlich großes Depot zunächst noch originalverpackter Papiertaschentücher an. Die Entsorgung jener kleinen liebevoll maschinell gefalzten Zellstoff-Quadrate erfolgt nach Benutzung und Zerknüllung in einem wohlweislich bereitgestellten Müllbehältnis, dessen Füllstand schon bald vermuten lässt, man befinde sich im Jugendzimmer eines 14-jährigen auf exzessiver Unterleibs-Safari. Innerhalb der nächsten Tage wird sich der außer Gefecht Gesetzte in der Regel nur von diesem Lager fortbewegen um seinem maladen Körper Flüssigkeiten (zumeist in Form von Tee und Hühnersuppe) zuzuführen oder um menschliche Ausscheidungen abzuführen. Noch ehe sich diese beiden Vorgänge durch Übersuppung und damit einhergehendes Ausscheiden von Fettaugen einander zu sehr annähern können verspürt der Laborierende für gewöhnlich den inneren Drang, Kleidungsstil und Körperhygiene wieder auf ein öffentlichkeitstaugliches Maß anzuheben, was ein untrügliches Zeichen für schon bald folgende völlige Genesung darstellt. Statt den beschriebenen Wiederherstellungsprozess nun auf der Stelle einzuleiten, hat man allerdings die Pflicht, seinen sowieso schon geschunden Körper einer Reihe von weiteren Anstrengungen auszusetzen. Der erste und normalerweise einfachste Schritt ist ein Anruf beim Arbeitgeber um diesen von der vorübergehenden Abwesenheit zu unterrichten. Als nächstes steht ein weiteres Telefonat bevor, welches dazu dient, die Sprechzeiten eines approbierten Allgemeinmediziners in Erfahrung zu bringen. Ob einem dabei nun ein Zeitfenster von mehreren Stunden oder eine genaue Uhrzeit zu der man erscheinen möge genannt wird tut allerdings überhaupt nichts zur Sache, denn nach Betreten der Praxis und dem Entrichten einer Gebühr in Höhe von 10 € folgt unweigerlich der Aufenthalt in einem bestuhlten Raum, welcher zum einen als Endlager für veraltete Motorsport-Illustrierte und zum anderen als Tauschbörse für Krankheitserreger und -geschichten jeglicher Art dient. Nach mehreren Stunden wird man von hier aus in einen Raum mit deutlich weniger Stühlen beordert, wo geschultes medizinisches Fachpersonal innerhalb weniger Minuten feststellen und in zweifacher Ausführung schwarz auf gelblich bescheinigen darf, dass man erkrankt und damit arbeitsunfähig ist. Hin und wieder wird zudem ein rosafarbenes Formular gereicht, welches einen zum Erwerb völlig überteuerter, angeblich dem Heilungsprozess zuträglicher Chemikalien berechtigt. Um diesen Erwerb allerdings tätigen zu können, muss man praktischerweise einen weiteren Ort aufsuchen, der gewöhnlicherweise mehrere Kilometer vom momentanen Aufenthaltsort entfernt liegt. Hat man sich dann irgendwann der Last des besagten rosa Formulars und einer nicht unerheblichen Geldsumme entledigt, sind nur noch die beiden gelben Papiere ihrer Bestimmung zuzuführen, die darin besteht, das eine dem Arbeitgeber vorzulegen und das andere der Krankenkasse. Wie dies genau vonstatten geht, ist einem glücklicherweise gleichgestellt, solange es sofort geschieht. Um ein Fazit aus dem letzten Absatz zu ziehen könnte man sagen, dass der durchschnittliche Mitteleuropäer am ersten Tag seiner Krankheit eine deutlich größere Wegstrecke zurücklegt als in einer kompletten Arbeitswoche. Die Rationalität dieses ganzen Rituals in Verbindung mit der zumeist in dessen Verlauf erfolgten ärztlichen Anordnung körperlicher Ruhe sollte meiner Meinung nach zumindest ansatzweise hinterfragt werden. Kommentar hinzufügen
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