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Die unklaren Wetterverhältnisse und
ein erkältungsinduziertes Gefühl von körperlicher Ermattung
inspirieren mich dazu, mich heute nach der Arbeit von einem Kollegen
am Bahnhof absetzen zu lassen. Als ich die Beifahrertür zuschlage
merke ich an meinem weibischen Aufschrei, dem eine dadaistische
Aneinanderreihung von Flüchen aus dem fäkalen sowie dem sexuellen
Bereich folgt, dass gerade irgendetwas furchtbar schiefgegangen sein
muss und kurz darauf kann ich auch anhand des Pochens unter meinem
Fingernagel genauer sagen, worum es sich dabei handelt. Während ich
die Rücklichter des eben von meiner Anwesenheit befreiten Fahrzeugs
verschwinden sehe denke ich Glück gehabt... hättest auch komplett
mit dem Finger in der Tür hängenbleiben können und würdest dann
jetzt über die Bundesstraße geschleift.
Oben erwähntes Pochen wird stärker
und schmerzhafter was mich dazu bringt, an meinem Zeigefinger eine
Augenmaß-Spektralanalyse durchzuführen. Diese bringt folgendes
leicht schwammige Ergebnis hervor: Gelbliches Grün, grünliches Blau
und natürlich das obligatorische Hellviolett. Ein weiteres Mal denke
ich Glück gehabt... immerhin ist da kein Schwarz zu erkennen und
genau genommen sehen mindestens 70% des Nagels noch so aus wie man
sich einen handelsüblichen Fingernagel vorstellt.
Aufgrund meiner langjährigen
Erfahrungen auf dem Gebiet der Ungeschicklicheit weiß ich
glücklicherweise (!!!) was zu tun ist: Kühlen! Meine Kühltruhe ist
allerdings ungefähr 8 km von meinem momentanen Standort entfernt,
was mich zum Improvisieren zwingt. Also finde ich mich wenig später
auf dem Bahnsteig wieder, in der linken Hand eine im Kiosk erworbene
eisgekühlte Plastikflasche stilles Mineralwasser und den
schmerzenden Teil der rechten Hand bis zum Anschlag in ebenjene
Flasche gesteckt. Von Zeit zu Zeit rühre ich im kühlen Nass um
meine Fingerkuppe von noch etwas kühlerem Nass umspülen zu lassen.
Glück gehabt.... auf dem Weg zur Stempeluhr habe ich einen kurzen
Boxenstopp auf der Firmentoilette eingelegt. Ansonsten könnte das
leise Plätschern in direkter Urinierhöhe in Verbindung mit der
Absenz einer Bahnhofstoilette zu einer höchst unangenehmen und
meinem Alter unangemessenen Entwicklung dieser Situation führen.
Dass die Dame zu meiner farbenfrohen
Rechten mich beobachtet führe ich darauf zurück, dass es bestimmt etwas seltsam aussieht, wie ich da sitze und mich meiner improvisierten Schmerztherapie unterziehe. Für die Tatsache, dass
sie mit den Enden ihres Kopftuches wild in der Luft herumwedelt gibt
es mehrere plausible Erklärungen, die ich innerlich abwäge.
a) Vertreibung vorhandener bzw.
Abschreckung potentiell im Anflug befindlicher Insekten oder meinetwegen auch Seevögel b) Übungen für ihre unmittelbar
bevorstehende Fluglotsenprüfung c) Symptome einer leichten
bis mittelschweren Geisteskrankheit
Noch während ich darüber nachdenke
sieht sie mich etwas direkter als vorher an und beginnt das Gespräch mit den Worten
„Du! Du Burg? Burg! Wo Burg? Wann kommt?“ In diesem Moment
beschließe ich, dass Punkt c wohl der wahrscheinlichste Grund für
ihre vorherigen hektischen Bewegungen ist und wähne mich in einer
durch Sprachbarriere zusätzlich erschwerten Wiederholung dieses
Ereignisses >> (History repeating und so). Dies möchte ich einfach nur
möglichst schnell hinter mich bringen, weshalb ich alle
Informationen zu sämtlichen mir bekannten Zügen, Gleisen und
Abfahrtzeiten zu einem packenden Monolog forme, der mit „… oder
hier drüben auf Gleis 2 um äääh... ungefähr 16:35 Uhr“ endet. Als
Antwort erhalte ich ein knappes „Nein, nicht 35, sondern 34!“ Ok,
offenbar war das hier ein Test, dessen Sinn sich mir nicht ganz
erschließt, trotzdem hatte ich ja deutlich schlimmeres erwartet und hätte auch meiner Meinung nach deutlich schlechter dabei abschneiden können. Wow, denke ich mir, Glück gehabt!
Ist es nicht etwas paradox, dass eine
extrem negative Erwartungshaltung einen irgendwie zu einem Menschen
mit (im weitesten Sinne) positiver Grundeinstellung macht? |